Wenn ein guter, alter Freund stirbt…

Vor wenigen Stunden erhielt ich eine traurige E-Mail und sie riss mich ein wenig aus meiner guten Laune, die sich in mir aufgebaut hatte, weil ich mit mir und meinem Tages-Werk zufrieden war. Beim Tod sind dem Satiriker nicht nur die Nutzung seiner scharfen Zunge verboten! Ich holte ein wenig frische Luft und schrieb folgende, nun etwas abgewandelte E-Mail an die Familie des Verstorbenen, die mich informiert hatte:

Schade ist ja nur die zivilisierte Version von…sorry: „Scheiße!“ Aber Euer Vater war die ‘Zivilisation in Person‘ für mich! Respektlos überging ich manch hanseatische Gepflogenheit, die mir meine Familie mit auf den Weg geben wollte, doch meinem ‘Sir Ali‘ konnte ich SO NICHT gegenübertreten! Er war für mich etwas ganz Besonderes! Ehrlich gesagt, viel später hatte ich irgendwie auch das Gefühl, das es umgekehrt nicht viel anders war, wenn wir uns unterhielten! Wir lagen genau 25 Jahre auseinander, doch er war immer auf der Ebene meiner ‘Jugend‘! Wir hatten kein Generationenproblem!

Warum ist das so schade!? Weil zunächst ein alternder Mensch mit 96 (!) Jahren sich niemals einer schweren OP unterziehen lassen sollte. OK, Oberschenkelhalsbruch, wie konnte es nur dazu kommen!? Gefühlt 50 Jahre hatte er die Folgen eines verunreinigten Skalpells mit einem steifen Bein zu ertragen. Ich kenne ihn ja tatsächlich noch in perfekter Bewegung! Schon damals und nie danach, habe ich ihn jemals fluchen gehört, jemals wirklich klagen oder anklagend die Menschen verachtend, die ihm dieses dann lebenslange Schicksal aufbürdeten! Allein diese Haltung, in den viel zu seltenen Momenten, die ich mit ihm teilen durfte, waren für mich bewundernswert! Ich hätte das nicht gekonnt! Ja, ich habe sogar seinen (mehr als berechtigten) ‘Zorn‘, wenn er ihn denn selbst in sich aufgebaut hätte, für ihn ausgelebt und tue das ja hin und wieder in meinen Videos!

In den unvergessenen Jahren in Lübeck, im Hause Possehl, waren mein ‘Sir Ali‘ und die Spitze der Mannschaft drum herum für mich sehr prägend! Ich lernte viel! Ich lernte so ziemlich ‘alles‘! Ich nahm auf, wie man auch mit leisen Tönen die richtige Richtung vorgeben kann. – Das ich dann sehr viel später so ein Lautsprecher in eigener Sache geworden bin, ist nur der Weg zum Gipfel in dieser, meiner Entwicklung. Ich glaube, nein ich weiß, dass er meinen Weg positiv verfolgte und wenn wir uns auch nur zum alljährlichen Geburtstagstelefonat sprachen, ich höre seine Worte „ach Roman“, die auch sein Bedauern ausdrückten, dass wir nicht häufiger näher beieinander sein konnten! – Wir versprachen uns, dass er mindestens bis zum 100. Geburtstag durchhalten MUSS! Ich versprach ihm, anzureisen, von wo auch immer! – Klar, so ein Versprechen kann man leicht hinausplaudern, aber ich wäre ganz sicher gekommen! Ja, ich hatte sogar schon Mitgliedern meiner ‘Familie‘ im Norden angedroht, dass ich im Jahre 2023 unausweichlich vorbeikommen würde!

So wird für mich der 10. März, als sein Geburtstag, (kurioserweise der Todestag meines Vaters!), immer auch mit meinem ‘Sir Ali‘ verbunden bleiben und wenn es dann Dienstag, der 16. Juli 2019 war, wo dieser großartige Mensch die Augen schloss, dann werde ich dieses Datum ebenso in mir festhalten!

Mit der heute empfangenen traurigen Mail ist dann tatsächlich mein letztes Kapitel Lübeck, mein letztes Kapitel Possehl, mein letztes Ziel, ‘Sir Richard Ali‘ noch einmal zu besuchen, geschlossen! Einfach nur schade!

Vielleicht zum Schluss doch noch einmal etwas zum Schmunzeln, um nicht gar so traurig zu enden, denn ich sitze hier und kann vor Tränen die Tastatur meines angebissenen Apfels kaum erkennen. Warum nannte ich den großartigen ‘Sir Ali‘ eigentlich so? Ja, Sir Ali und Mr. Mac, das waren meine ganz direkten Lehrmeister, als ich 1966 ins Berufsleben eintrat. Mr. Mac bekam von mir zuerst seinen Namen! Wieso? Ich glaube, er hatte eine Affinität für Schottland! Irgendwie wird er damals geplant haben, in den Ferien dorthin zu fahren. Also nannte ich ihn schon mal, auf meine Art leicht respektlos, vor Reiseantritt ‘Mr. McEssig‘, also war ‘Mr. Mac‘ geboren. Der ‘Sir Ali‘ hatte eine leicht gehobenere Position in der Abteilung, als der Mr. Mac. Das hatte er aber niemals heraushängen lassen! Dieser, in seiner Art so feine Herr, wurde also von mir schon damals mit ‘Sir‘ angesprochen, also geadelt! – Wenig später, wenigstens in den Jahren, in denen ich dann noch ein wenig im Dunstkreis dieser tollen ehemaligen Kollegen sein durfte, waren diese Namen wie selbstverständlich, für alle!

So werde ich den guten alten, zum Freund gewordenen ‚Sir Richard Ali‘ niemals vergessen!

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