… wenn heute Abend Fußball gespielt wird…

… dann werde ich mit einem Auge auf das Fernsehbild schauen, aber auch nur, um Bestätigung für meine Gedanken zu finden, dass das ehemals so erfolgreiche deutsche Fußballspiel, dringend eine Systemänderung erfahren muss! Es ist langweilig, was auf den Plätzen, überall natürlich, geboten wird. Es fehlt an Raffinesse, an Überraschungen für den Gegner, man ist so ausrechenbar, dass meine Vorfreude, auf einen netten Fußballabend, schon längst der Vergangenheit angehört!

Dabei kann ich als Fußballfan, auch ein wenig selbst mal Spielender, bis in die tiefste erfolgreiche Vergangenheit zurückblicken: Ich war 1954 ‚dabei‘, als Deutschland mit Sepp Herberger als Trainer in Bern gegen Ungarn zum ersten Male Weltmeister wurde. Natürlich nur am Radioempfänger. Damals spielten die erfolgreichsten Mannschaften im so genannten WM-System. Deutschland spielte natürlich so auch und der Raffinesse und eines merkwürdigen Turnier-Systems Rechnung tragend, konnte es sich der Trainer erlauben, mit einer ‚Reservemannschaft‘ im Gruppenspiel gegen den erwarteten Gruppenersten, Ungarn, anzutreten. 8:3 verlor Deutschland! Was sich im erreichten Endspiel dann, erneut gegen Ungarn, als genialen Schachzug herausstellen sollte, denn die sehr wahrscheinlich unterschätzten Deutschen gewannen nun mit 3:2! (5 Spieler des Teams kamen vom 1.FC Kaiserlautern: W.Kohlmeyer, W.Liebrich, H.Eckel, F.Walter, O.Walter.)

1958 in Schweden erinnere ich die aufgeheizte Stimmung im Göteborger Ullevi-Stadion. Für ein Revanchefoul an den Schweden Kurt Hamrin sah der Düsseldorfer Erich Juskowiak in der 59. Minute die rote Karte. Wenig später musste Fritz Walter, schwer gefoult, verletzt ausscheiden, so dass die deutsche Mannschaft in diesem denkwürdigen Halbfinale nur noch zu Neunt auf dem Platz stand. Hans Schäfer erhielt auch noch einen Faustschlag gegen seinen Kehlkopf und konnte kaum richtig atmen. Es war ein übles Gefoule und Gehacke der Schweden, die mit aller Macht (und dem ungarischen Schiedsrichter Zsolt!) ins Finale wollten… Das gelang, weil man schließlich Deutschland mit 3:1 niederrang, wobei die Tore der Schweden erst in den letzten Minuten des Spieles fielen (81. und 88.), folgerichtig, wenn Gegenspieler fehlen! – Wie gut, dass der ‚Fußballgott‘ sofort für Gerechtigkeit sorgte und im Endspiel der Zaubersturm der Brasilianer die Schweden mit 5:2 zerlegte: Garrincha, Didi, Vavá, Pelé, Zagallo = Für mich der beste Sturm, der jemals auf dem Fußballfeld stand!

1962 spielte dann Amarildo für den im ersten Gruppenspiel schon verletzten Pelé. Nicht nur der Sturm der Brasilianer zauberte, die Mannschaft verteidigte in Chile den Titel mit einem 3:1 Sieg im Endspiel gegen die Tschechoslowakei. Die deutsche Mannschaft verlor äußerst unglücklich mit 1:0 im Viertelfinale gegen Jugoslawien. Allerdings warf die ‚kompetente Öffentlichkeit‘ dem Trainer Sepp Herberger vor, zu defensiv in dieses Spiel gegangen zu sein, mit nur einem Stürmer, Uwe Seeler. Gespielt wurde aber vom Papier her, immer noch im bewährten WM-System.

1966 wurde mit 2:2 das Endspiel, gegen den Gastgeber der WM, England verloren. Ja, es ist kein Tippfehler, denn das 3:2 in der Verlängerung war kein Tor für die Engländer und auch das 4:2, Sekunden vor dem Abpfiff, war irregulär, weil sich bereit einige Zuschauer auf dem Spielfeld aufhielten, die Deutschen natürlich nicht weiterspielten, der Schiedsrichter hätte abpfeifen müssen,  aber das interessierte den Engländer Hurst natürlich nicht. Der Schweizer Schiedsrichter Dienst hatte dem Fußball einen schlechten Dienst erwiesen!

In Mexiko, 1970, durfte sich Deutschland dann revanchieren und rang England im Viertelfinale mit 3:2 in der Verlängerung nieder. Im Halbfinale hätte ich aus heutiger Sicht so manchem deutschen Spieler ‚meinen‘ frischen Karottensaft gegönnt, denn immer wieder brachten eigene Konzentrationsschwächen die Italiener heran, schließlich vorbei. 4:3 am Ende für Italien, es war ein großartiger Kampf, der aber den falschen Sieger fand! Deutschland wurde dann glücklich Dritter mit einem 1:0 gegen die bessere Mannschaft aus Uruguay.

Als Gastgeber 1974 wurde Deutschland Weltmeister, nach einem 2:1 im Endspiel gegen die Niederlande. Damals konnte man wirklich von ‚einer Achse im Team‘ sprechen, weil allein sechs Bayern-Spieler im Endspiel in München auf dem Rasen standen, sieben im Aufgebot. Immer dann, wenn ähnliches möglich war, war auch der Erfolg (fast) garantiert. Ich werde es beweisen. (S.Maier, F.Beckenbauer, G.Schwarzenbeck, U.Hoeneß, J.Kapellmann, G.Müller und P.Breitner der kurz zuvor zu Real Madrid wechselte.)

Hätte die deutsche Mannschaft 1978 in Argentinien das Gegentor vom Krankl in der 88. Minute zum 2:3 gegen Österreich in der zweiten Finalrunde vermieden, sie hätte um den 3. Platz gegen Brasilien spielen dürfen… Manchmal sollte es eben nicht sein, dass der Ruf der ‚Turniermannschaft Deutschland‘ sich auch in den Ergebnislisten niederschlug.

1982 in Spanien wurde die deutsche Mannschaft wieder einmal Vizeweltmeister. Italien gewann gegen die Deutschen mit dem Trainer Jupp Derwall 3:1. Man war zufrieden, denn mit dieser Mannschaft, so später z.B. Paul Breitner, war das das Optimum des Möglichen!

1986 unter Franz Beckenbauer erreichte die deutsche Mannschaft erneut das Finale und unterlag 2:3 gegen Argentinien. Ich weiß nicht, ob der Franz damals schon die taktische Super-Anweisung gab „geht’s raus und spielt’s Fußball“…? 🙂 In jedem Fall gelang dann 1990 in Italien die Revanche, denn im Endspiel traf man wieder auf Argentinien und durch ein Elfmetertor von Andi Brehme gewannen die Deutschen mit 1:0. (Lothar Matthäus musste sich ja besser die Schuhe fester zuschnüren und damit nicht zum Elfmeterpunkt zu schreiten 🙁 ) Aber da war sie wieder, die Achse, des FC Bayern München: 6 Spieler aus dem damals aktuellen Bayern-Kader: R.Aumann, K.Augenthaler, J.Kohler, H.Pflügler, S.Reuter, O.Thon und 4, die erst zuvor nach Italien wechselten: L.Matthäus, A.Brehme, J.Klinsmann, T.Berthold.

1994 in den USA war im Viertelfinale für die deutsche Mannschaft Endstation. Man verlor mit 1:2 gegen Bulgarien, eine mehr als unnötige Niederlage! Aber… 1998 in Frankreich wiederholte sich das Ausscheiden im Viertelfinale, dieses Mal gegen Kroatien mit 0:3, obwohl auch diese Niederlage ziemlich Unglück zu Stande kam. 50 Minuten in Unterzahl, die bessere Mannschaft, ausgekontert von cleveren Kroaten.

2002 in Japan und Süd-Korea kam es zum ersten Mal zum Finale zwischen den beiden erfolgreichsten Mannschaften in der Fußball-WM-Geschichte: Brasilien und Deutschland. Brasilien gewann 2:0, auch, weil der bis dahin beste Spieler des Turniers (er wurde später dazu gewählt!) Oliver Kahn nicht die glücklichste Figur beim 0:1 abgab und Deutschland ohne den gelbgesperrten Michael Ballack antreten musste, der bis dahin eine sehr starke WM gespielt hatte. Verantwortlicher Trainer war Rudi Völler.

2006 sollte für Deutschland als Veranstalter nicht der ganz große Erfolg werden. Im Halbfinale war in der Verlängerung, einmal mehr gegen Italien, Schluss. Die deutsche Mannschaft unter Jürgen Klinsmann verlor mit 0:2. Zumindest wurde das kleine Finale im Spiel um den 3. Platz mit 3:1 gegen Portugal gewonnen.

2010 in Süd-Afrika verlor Deutschland gegen den späteren Weltmeister Spanien im Halbfinale äußerst unglücklich mit 0:1, durfte sich dann aber erneut über den dritten Platz nach einem 3:2 gegen Uruguay freuen. Noch größer war die Freude vier Jahre später, 2014, in Südamerika, als die deutsche Mannschaft Weltmeister wurde, durch das 1:0 gegen Argentinien in der Verlängerung, erzielt durch Mario Götze. (Übrigens: 7 Spieler des FC Bayern: M.Neuer, J.Boateng, P.Lahm, M.Götze, T.Kroos, B.Schweinsteiger, T.Müller und noch 3 Spieler: M.Hummels, L.Podolski, M.Klose, die zuvor ebenfalls das Bayern-Trikot trugen, waren in der Mannschaft!) 

Ja, dann kam Russland und eine völlig neben sich stehende Mannschaft aus Deutschland schied zum ersten Mal in der Fußball-WM-Geschichte bereits nach der Vorrunde aus! … (8 Bayern-Spieler und 2, die das Bayern-Trikot zuvor trugen… Nur, Löw hätte sie auch so spielen lassen müssen!)

Und nun strampeln alle im DFB nach einem Neuanfang… der gestern Abend, mit einer absolut ungerechten Niederlage gegen den aktuellen Weltmeister Frankreich mit 1:2 eingeleitet worden sein soll. 🙁  

Ich plädiere dafür, wieder ‚richtig‘ Fußball zu spielen und zwar in einem immer variabel zu gestaltenden ‚WM-System‘, je nach verfügbaren Spielern:

Ich verstehe nicht, wie gestern zu beobachten, dass die Verteidiger versuchen das Spiel machen und vor dem gegnerischen Strafraum wird durch eine geballte Ansammlung von eigenen und verteidigenden Spielern der Raum so eng, dass man sich selbst im Wege ist! Das sieht offensichtlich niemand? Die 8 und die 10 müssen das Spiel aus dem Mittelfeld gestalten, den Rhythmus vorgeben! Die Verteidiger haben sich um das Verteidigen zu kümmern und nicht die Gegner zum Kontern einzuladen, durch Fehlpässe etc… 🙁

Fußball ist keine Wissenschaft! Darum wird dieses Spiel auf der ganzen Welt von nicht zu zählenden Liebhabern gespielt! Weil es ein leicht zu verstehendes Spiel ist! Wer daraus eine Wissenschaft macht, schafft die Leichtigkeit des Spiels ab! „Geht’s raus und spielt’s Fußball!“ – Danke Franz Beckenbauer, bitte wiederhole diese ‚Fußballweisen Worte‘ noch einmal an entscheidender Stelle, im DFB!

 

 

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