Ein Sieg der doppelten Moral

Was haben wir aus einer Meldung wie „Verfahren gegen Jan Ullrich wegen Dopings eingestellt“ zu lernen? Man muss nur lange genug und genügend Gelder aus einem dreckigen System für sich erworben haben, um dann für den Fall gewappnet zu sein, dass eines Tages der ganze Schwindel doch noch auffliegt und man sich dann, mag es auch zum Himmel stinken, mit einem entsprechend hohen Geldbetrag freikaufen kann! Die Bonner Staatsanwaltschaft hatte ein Verfahren gegen ihn eingeleitet wegen angeblicher ’Täuschung und Betruges zum Nachteil seiner Arbeitgeber’ Telekom/T-Mobile sowie Coast. Nebenbei bemerkt, die Telekom sitzt im Augenblick auf der Anklagebank, wegen angeblicher ’Täuschung und Betruges zum Nachteil ihrer Aktionäre’, oder so ähnlich. Aber da geht es um über 100 Punkte in der Anklageschrift und Experten erwarten, dass dieser Schauprozess wohl bis zu fünf Jahre andauernd wird. So lange wollte der nun nicht als vorbestraft geltende Jan Ullrich nicht warten, um einen echten Freispruch zu erkämpfen. Wie hätte er denn auch diesen Kampf gewinnen können gegen alle Systeme dieser Welt? Wie konnte er sich jemals schuldig fühlen, von der ersten Minute im Leistungssport mit für jedermann erhältlichen Nahrungsergänzungsmitteln, bis zum letzten Auftritt bei der Tour de France 2006 mit eigenen Blutkonserven!? Er war doch nur einer von allen. Hätten alle nicht gedopt, wäre er auch vorne gewesen. So waren sie alle nun etwas schneller im Ziel! Eine ganz simple Erklärung, die so nur aus einem Schädel mit komplettem Unrechtsbewusstsein stammen kann. Gerade weil seine Arbeitgeber Erfolge von ihm erwarteten, stellten sie ihm die besten Helfer und Methoden zur Verfügung! Alles im Sinne des Systems, wo nur der Erste gefeiert wird! Und wehe, wenn aus welchen Motiven auch immer, das System zusammenkracht! Und so brach über den Weltradsport im Sommer 2006 – nicht zum ersten Mal und bestimmt auch nicht zum letzten Mal – der naive hellblaue Himmel der simplen Nahrungsergänzungsmittel zusammen und es entleerte sich eine dicke eigenblutrote Wolke und spülte alle Hoffnungen davon, dass es je wieder so sein könnte, wie vor dem Eingreifen der Medizinmänner! Wie viele quälende Stunden Sportberichterstattung, gefüllt mit Niederlagen meiner Landsleute oder anderer (naiver) Favoriten habe ich miterleben müssen, live oder vor dem Fernsehschirm, weil es schon immer ’die anderen’ waren, die nicht nur mit Zuckerwasser die Berge hoch kamen? Es ist nicht nur so im Radsport, es ist in jedem Leistungssport so. Und wer als erfolgreicher Athlet leugnet, über eine kontrollierte Ernährung, die sich stets an der Grenze zum Erlaubten oder Unerlaubten orientiert, nicht auch auf irgend eine Art ’gedopt’ zu sein, der lügt! Jedes Pillchen, egal wo für oder wo gegen, ist ein Mittel, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Jede Tasse Kaffee am Morgen des Wettkampfes zu viel… ist … auch Doping. (! ?) Und so geht es weiter auf der Liste. Und das endlose Trinken von Coca Cola auf Etappen von 200 km Länge und mehr ist dann gut, wegen des hohen Zuckeranteils? Vielleicht ist für einen anderen Doping schon ein freundliches Telefonat mit seiner Frau oder Freundin? Oder umgekehrt, Antidoping, dann ein persönlicher Schlag in der Familie zum falschen Zeitpunkt? Es ist also alles nicht ganz so einfach, wie es sich die Dopingfahnder machen wollen. Schwarz oder weiß. Hier ist die Grenze, da ist der Sünder. „Oh, der hatte jetzt die Salbe genommen, weil er sich am Fuß verletzte.“ Klar, wenn die Salbung angemeldet wurde, war es kein Doping. Das Pferd sprang nur zu olympischen Gold, weil es fünf Monate zuvor eine Salbe auf die Hinterhand bekam zur Behandlung von… auch das war Doping! Die Zahnpasta vom … ist es nicht alles völlig egal und zum Kotzen!? „Ich war immer ein fairer Sportler, die Zahlung ist kein Schuldeingeständnis“, teilte Jan Ullrich im Internet mit. „Ein Geständnis konnte es auch deshalb nicht geben, weil es keinen Betrogenen gibt. Aber ein Kampf bis zum Freispruch hätte mich wesentlich mehr Geld gekostet.“ Die Einigung wurde von der Staatsanwaltschaft vor allem damit begründet, dass zu Jan Ullrichs aktiver Zeit eine weithin verbreitete Doping-Mentalität vorherrschte: „Die Hemmschwelle zur Anwendung verbotener Leistungssteigernder Mittel war herabgesetzt.“ Deshalb schien es fraglich, Jan Ullrichs subjektive Meinung widerlegen zu können, nichts Unrechtes getan zu haben: „Dies konnte bei der Sachentscheidung nicht unberücksichtigt bleiben.“ Donnerwetter, und darum zuvor die Einleitung des Verfahrens? Oder hatte man nur einen neuen Weg gefunden, zur Finanzierung der maroden Staatsfinanzen?! Ich erinnere mich zurück in die Zeit, wo ich als selbständiger Geschäftsmann in Deutschland wie der Frosch im Butterfass zu treten hatte, um für meine Familie und mich Boden unter die Füße zu bekommen. Mit der Nase im Wind, nicht nur manchmal auf einem Rennrad, sondern täglich gegen den Strom des Systems kämpfend, da gibt es Ereignisse, von denen man unter normalen Umständen keine Ahnung hat. Erst wenn sich Dinge ereignen, wundert man sich. Ich hätte damals die Worte von Jan Ullrich erahnen sollen, doch er war da noch gar kein Rennfahrer und die anderen seiner Zunft, die gaben Interviews, wobei dann der berühmte Zuckerwasserspruch herauskam. Viel tiefer wurde wohl kaum gegraben im System. Ich hätte sagen sollen: „Ich war immer ein fairer Geschäftsmann, die Zahlung ist kein Schuldeingeständnis. Ein Geständnis kann es auch deshalb nicht geben, weil es keinen Betrogenen gibt. Aber ein Kampf bis zum Freispruch hätte mich wesentlich mehr Zeit und damit Geld gekostet.“ Aber ich zahlte nicht, damals im Münchner Amtsgericht. Ich bekannte mich als ’Nicht schuldig’! Und wurde dann im Namen des Volkes nicht freigesprochen und musste noch eine kräftige Geldstrafe zahlen. So einfach funktioniert das System. Wer zahlt ist schuldlos, wer nicht zahlt, ist schuldig… Im Namen des Volkes. Dreck am Stecken haben ’wir alle’, also, wenn der Staat etwas von einem will, besser gleich bezahlt, es wird hinterher nur noch teurer…!? Wie gut, dass es doch zwischendurch auch ’die da oben’ trifft; gebt dem Volke ein paar Opfer an denen sie sich laben können. Das hebt zwar nicht die Werte einer Gesellschaft, aber ist gut für die allgemeine Stimmung im Lande. Die Freikauf-Summe sämtlicher Politiker die sich schuldig gemacht haben, nicht nur vor dem ’Jüngsten Gericht’, die müsste in etwa so hoch liegen wie die aktuelle Staatsverschuldung: rund 1,6 Billionen €. Ganz grob umgerechnet also pro Kopf der Bevölkerung in Deutschland: mit knapp 20.000 € könnte sich jedermann freikaufen! Freikaufen, von seiner Mitschuld, die mittelmäßigen Typen, die sich Volksvertreter nennen, gewählt zu haben. Geduldet zu haben, dass Institutionen sich in selbst gegebenen Normen bewegen und diese immer nur für die anderen gelten. Verrückt ist, dass diese Typen schließlich noch eine ehrenvolle Abwahl und einen dicken Rentenbescheid erhalten. Diesen dann zu erfüllen ist ja dann auch gar kein Problem, wenn Leute wie Jan Ullrich, und sehr viele andere mehr, sich mit Beträgen in Millionenhöhe von ihrer wirklichen Schuld freikaufen! Das ist doch die Endlösung, nach der jeder Finanzminister verzweifelt sucht.

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