Ein paar Gedanken zum so genannten Fair-Play und ‘mehr‘

Ich bin kein schlechter Verlierer. Ich kann erkennen, wenn der andere besser war, dann hat er den Sieg verdient. Doch wie kann es sein, dass die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft es zum wiederholten Male nicht geschafft hat, gestern den alten Erzrivalen Italien zu besiegen, obwohl man die eindeutig bessere Mannschaft stellte? Es fehlte im Vorfeld an Nichts! Natürlich auch nicht an großen Worten… Aber das war sicher nicht der Grund für das erneute Ausscheiden gegen diese Italiener im Halbfinale der EM 2012. Zwei dumme Fehler und ein paar eigene vergebene, nicht genutzte Chancen, das ist das ernüchternde Resultat:

1 : 2.

Fehlte vielleicht doch etwas, wie der Memet Scholl richtig hinterfragte in der ARD? Wenn der FC Bayern innerhalb 3 Jahren zweimal im Champions-League-Finale steht, die gleichen Spieler in den letzten Jahren bei allen großen Turnieren sehr weit kamen, nur bis ganz nach oben reichte es eben nicht, woran hapert es dann? Ich meine an der nötigen Raffinesse! Die Deutschen wollten Fußballspielen, möglichst noch schönen, erfolgreichen Fußball. Die anderen hatten nur einen Plan: Sie wollten gewinnen! Das ist der große Unterschied!

Wer immer gegen mich antreten möchte, wir rennen nur 100m um die Wette. Ich rase die ersten Meter wie besessen, bekomme bei 50m einen Krampf, muss mich hinlegen… Mein Mitstreiter erreicht mich endlich, bleibt stehen, hilft mir auf die Beine und wir laufen weiter!? So kann es doch NICHT sein! Und nichts anderes betreiben die ausgebufften Teams dieser Welt, wann immer eine ihnen überlegenere Mannschaft am ‘Drücker‘ ist. Nichts anderes, als seine Auswechslung hatte dieser feine Sportsmann Balotelli in der 60. Minute im Sinn, weil es im Plan war! Die 2 bis 3 Minuten, die diese Komödie dauerte, wurden aber NICHT komplett nachgespielt, denn es fanden ja noch etliche andere Unterbrechungen statt! Das feiste Grinsen der Fair-Player auf der italienischen Bank und im Gesicht des Herrn Balotelli, das spricht Bände!

Wenn zukünftig jemand von der gegnerischen Mannschaft vom Platz gestellt wird, dann geht vom anderen Team auch gleich ein Spieler mit, aus Solidarität und Respekt, es muss ja die Fairness gelten, also Gleichstand im Personal…!? Das zeigt den ganzen Irrsinn dieser angeblich fairen Aktion, den Ball ins Aus zu schieben, nur weil sich ein Gegenspieler im Moment außer Stande sieht, dem Ball weiter hinterher zu jagen… Das ist nichts anderes als nur ganz große Dummheit! Tut mir leid! Wenn der Gegner auf dem Feld den Ball ins Aus tritt, weil ein eigener Mitspieler einen Krampf bekommt, ist es etwas anderes. Dann kann und muss man mit dem Einwurf natürlich warten, bis eine mögliche Behandlung abgeschlossen ist. Aber NICHT, wenn es gerade anders herum läuft!

Ich habe die Eckbälle nicht gezählt, die die deutsche Elf hatte. Standards sind fast die einzigen Mittel gegen dieses Bollwerk guter Verteidiger. Aber ich bringe wohl gefühlte 20-Mal genau die gleichen Bälle in die Mitte und erreiche Nichts!? Habe keine Finte? Habe keine Idee? Doch, ‘alle Spieler versammelten sich um den Elfmeterpunkt‘, denn es ist ja so unwahrscheinlich, dass der Ball auch einmal aus dem Strafraum geköpft wird! Diese simplen Amateur-Fehler beobachte ich seit Jahren, eigentlich Jahrzehnten! Warum steht nicht auf der anderen Seite des Strafraumes ein Spieler und ist bereit, so wie in der 36. Minute dazu Gelegenheit war, den abgewehrten und verlängerten Ball abzufangen? Natürlich war kein deutscher Spieler da, aber ein Italiener und der passte genau in die tiefe Mitte zum ‘zwei Meter größeren Riesen‘ Balotelli, weil ja neben ihm sich der kleine Philipp Lahm postiert hatte…

Einwürfe und Abschläge landen fast regelmäßig beim Gegner? Dass es kein Abseits beim Einwurf gibt, haben diese Burschen bis heute nicht verinnerlicht? Das sind so simple kleine Fehler, die, wenn die Mannschaft sie nicht erkennt, dann der Trainer ansprechen und abstellen muss! Aber das auf diesem ‘hohen Niveau‘ überhaupt noch ansprechen zu müssen, ist ja ein Armutszeugnis!

Natürlich hat der brave Jogi Löw Recht, man darf nach einer solchen Niederlage nicht alles in Frage stellen. Aber er muss sich die Frage gefallen lassen, wie es eine Mannschaft schaffen soll, dem Gegner den eigenen Spielstil aufzudrängen, wenn allein die Aufstellung eine Ausrichtung auf den Gegner bedeutet? Das will mir nicht in den Kopf. Man weiß, die Italiener spielen inzwischen wieder mit zwei Stürmern. Und im deutschen Team muss sich immer noch ein Einzelkämpfer an der kompletten Abwehr des Gegners aufreiben? Die Italiener sollten doch hinter ‘uns‘ herlaufen und nicht umgekehrt! Klar, einem unglücklichen Spielstand von 0 : 2 über 90 Minuten nachzutrauern, nachzurennen, ist härter, als dieses Ergebnis zu verteidigen. Darum hatten die Italiener ja auch zum Schluss noch die nötige Luft zum Verteidigen. In einer vom deutschen Team erreichten Verlängerung hätte es sicherlich dann wieder anders ausgesehen. Der Anschlusstreffer fiel leider viel zu spät…

Wenn es wirklich nur ein Fußballspiel wäre, ist ja alles ‘okay‘. Es muss ja einen Sieger und einen Verlierer geben. Aber es ist doch tatsächlich viel mehr! Es ist ein großes Spektakel, es ist ein Millionen-, ja inzwischen ein Milliarden-Spiel! Darum ist die Enttäuschung bei jedem deutschsprachigen Fan so groß, weil es eben auch eine Systemfrage ist. Ein solches Spiel mit einem Plan anzugehen, höflich beschrieben mit ‘ausgebufft oder clever‘, oder mit fußballerischen Qualitäten möglichst zu gewinnen. Dass das in diesem Jahr nicht nur bei der Europameisterschaft am Ende schief lief, haben die Spieler des FC Bayern München erneut schmerzlich zu spüren bekommen.

Permanent link to this article: http://romanschreiber.com/ein-paar-gedanken-zum-so-genannten-fair-play-und-mehr/